Eine eigene Praxis zu gründen oder zu übernehmen ist ein großer Schritt. Neben Standort, Finanzierung, Personal und Praxissoftware gibt es einen Bereich, der oft zu spät „wirklich“ strukturiert wird: die Privatabrechnung nach GOÄ.
Dabei entscheidet gerade in den ersten Monaten vieles darüber, ob die Abrechnung sauber läuft: Liquidität, Ruhe im Team und eine professionelle Kommunikation mit Privatpatientinnen und Privatpatienten. Wenn Rechnungen verspätet rausgehen, Leistungen nicht vollständig erfasst werden oder Zuständigkeiten unklar sind, entsteht unnötiger Druck. Und der ist in der Startphase wirklich das Letzte, was man braucht.
In diesem Beitrag lesen Sie praxisnah, wie Sie Ihre GOÄ‑Privatabrechnung von Anfang an strukturiert aufsetzen, welche Punkte in den Businessplan gehören, wie Sie Verantwortlichkeiten im Team klären und welche Stolperfallen in den ersten 100 Tagen besonders häufig sind.
Warum die GOÄ‑Abrechnung für Ihre Praxisgründung entscheidend ist
In vielen Gründungskonzepten steht irgendwo ein Privatanteil. Was oft fehlt, ist das „Wie“ im Alltag:
Wie werden Leistungen sicher erfasst? Wer prüft die Rechnung? Wie gehen Sie mit Rückfragen um? Und was passiert, wenn Zahlungen später eingehen als geplant?
Gerade bei der Abrechnung auf Grundlage der GOÄ in einer neuen Praxis gilt: Je früher Sie stabile Abläufe etablieren, desto leichter läuft es später „wie selbstverständlich“.
Eine gut organisierte Privatabrechnung hilft Ihnen dabei,
- Liquidität planbar zu halten, statt von Zahlungseingängen überrascht zu werden,
- Honorarverluste zu vermeiden, weil Leistungen vollständig und korrekt abgerechnet werden,
- Ihr Team zu entlasten, weil weniger Rückfragen, Nacharbeiten und Diskussionen entstehen.
Oder anders gesagt: Medizinisch starten Sie meist routiniert. Organisatorisch lohnt es sich, früh auf bewährte Strukturen zu setzen.
Privatabrechnung im Businessplan: Was Gründer:innen einplanen sollten
Einnahmenstruktur und Privatanteil realistisch kalkulieren
Für die Planung reicht es selten, nur einen Prozentsatz zu notieren. Besser ist ein Blick auf die tatsächlichen Treiber Ihrer Privatumsätze:
- Fachrichtung und Leistungsspektrum: Welche privatärztlichen Leistungen sind in Ihrer Praxis realistisch häufig?
- Patientenmix: Privatversicherte, Beihilfe, Selbstzahler, Kostenerstattung.
- Spezielle Angebote: Zum Beispiel zusätzliche Beratungsleistungen oder besondere Untersuchungen, die in Ihrer Region nachgefragt werden.
- Praxisübernahme Privatpatienten: Übernehmen Sie einen bestehenden Privatpatientenstamm, braucht es von Anfang an ein klares Vorgehen für Übergang, Kommunikation und Abrechnungsläufe.
Praxisnaher Tipp: Planen Sie nicht nur „optimistisch“, sondern auch ein solides Basisszenario. Das ist keine Schwarzmalerei, sondern klassische kaufmännische Vorsicht, die sich seit jeher bewährt hat.
Liquidität und Zahlungsziele planen
Bei Privatabrechnungen liegt zwischen Leistung und Zahlung häufig mehr Zeit als erwartet. Viele Patientinnen und Patienten warten zunächst die Erstattung ab oder klären Rückfragen. Das ist normal, aber für Ihre Liquidität in der Praxisgründung relevant.
Fragen, die Sie früh beantworten sollten:
- Welche Zahlungsziele kommunizieren Sie (klar und einheitlich)?
- Wie gehen Sie mit Ratenwünschen oder Rückfragen um, ohne dass das Team in Endlosschleifen landet?
- Welche Abläufe gibt es für Zahlungserinnerung und Mahnwesen?
- Möchten Sie in der Startphase Modelle nutzen, die Zahlungsflüsse planbarer machen (zum Beispiel über passende Auszahlungsmodelle)?
Wichtig ist dabei weniger die „perfekte Lösung“, sondern eine Lösung, die zu Ihrer Praxis und Ihrem Team passt. Hauptsache: Sie steuern das Thema aktiv, statt es dem Alltag zu überlassen.
Rollen und Aufgaben im Team: Wer kümmert sich um die GOÄ‑Abrechnung?
Inhouse‑Abrechnung – Chancen und Grenzen
Viele Gründerinnen und Gründer möchten die Privatabrechnung zunächst im eigenen Team halten. Das kann gut funktionieren, wenn drei Dinge erfüllt sind:
- Zeit für Einarbeitung: GOÄ ist kein Hexenwerk, aber sie verlangt Sorgfalt.
- Klare Zuständigkeit: Eine Person verantwortet den Prozess, Vertretung ist geregelt.
- Saubere Systemeinrichtung: Praxissoftware, Textbausteine, Leistungslegenden, Workflows.
Die Grenzen werden spürbar, wenn der Alltag bereits voll ist: Telefon, Anmeldung, Sprechstunde, Organisation, Ausfälle. Dann wird Abrechnung schnell „nebenbei“ erledigt. Und „nebenbei“ ist der häufigste Grund für verspätete Rechnungen und unnötige Rückfragen.
Ein realistischer Satz für die Startphase lautet:
Entweder Abrechnung ist ein klarer Prozess, oder sie wird zur Dauerbaustelle.
Zusammenarbeit mit einer privatärztlichen Verrechnungsstelle
Gerade in der Gründungsphase kann die Zusammenarbeit mit einer privatärztlichen Verrechnungsstelle sehr entlastend sein, weil sie auf bewährten Abläufen basiert.
Ein Abrechnungsdienstleister (PVS) kann Sie unter anderem unterstützen durch:
- professionelle Umsetzung der GOÄ‑Abrechnung in Ihrer neuen Praxis,
- Entlastung bei Rechnungsversand, Zahlungseingängen, Mahnwesen und Korrespondenz,
- planbare Abläufe und auf Wunsch Modelle, die Ihre Liquidität stabiler machen können,
- Hinweise zu typischen Fehlerquellen und Optimierungspotenzialen, ohne dass Sie „auf Kante“ arbeiten müssen.
Für viele Praxen ist ein pragmatischer Weg sinnvoll: In der Startphase wird mehr ausgelagert, später wird neu bewertet, was intern bleiben soll und was nicht. Entscheidend ist: Sie starten mit Stabilität.
Praxisbeispiele: Typische Stolperfallen in den ersten 100 Tagen
Die ersten Wochen sind oft geprägt von Aufbau, Patientenandrang und vielen neuen Routinen. Genau deshalb passieren hier typische Fehler, die sich später nur mühsam „entknoten“ lassen.
Beispiel 1: Abrechnung läuft „mit“, bis sie liegen bleibt
Eine neu gegründete hausärztliche Praxis hat sofort hohen Zulauf. Die Abrechnung übernimmt eine erfahrene MFA zusätzlich zu allen anderen Aufgaben. Rechnungen gehen verspätet raus, Leistungen werden nicht vollständig erfasst, Zahlungsziele sind uneinheitlich. Nach wenigen Monaten entsteht ein unübersichtlicher Rückstau und die Praxis spürt einen unnötigen Liquiditätsdruck.
Was geholfen hätte:
Ein klarer Wochenrhythmus (z. B. feste Abrechnungstage), eindeutige Verantwortlichkeiten und ein standardisierter Ablauf für Rückfragen und Zahlungserinnerungen.
Beispiel 2: Praxisübernahme mit Privatpatienten, aber ohne Übergangsstrategie
Ein Facharzt übernimmt viele Privatpatientinnen und Privatpatienten von dem Abgeber. Patienten erhalten Rechnungen mit ungewohnten Formulierungen und Beträgen, was zu Verunsicherung und mehr Rückfragen führt.
Was geholfen hätte:
Ein Übergangsplan: Welche Abrechnungen laufen über wen, welche Informationen bekommen Patienten schriftlich, wie werden Abläufe in den ersten Wochen erklärt.
Beispiel 3: Software ist da, aber der Prozess ist nicht getestet
Die GOÄ‑Abrechnung ist „eingerichtet“, aber niemand hat sie einmal testweise durchgespielt. Ergebnis: fehlende Textbausteine, uneinheitliche Begründungen, Druck- und Versandprozesse haken. Das Team improvisiert, und Improvisation kostet Zeit.
Was geholfen hätte:
Ein kurzer Testlauf vor dem Start mit 5–10 typischen Fällen und klaren Standards für Dokumentation, Rechnungstext und Zahlungsziel.
Checkliste: Privatabrechnung bei Praxisgründung auf einen Blick
Damit Sie direkt etwas in der Hand haben, hier eine praxisnahe Checkliste für Ihre Praxisgründung Privatabrechnung:
Organisation & Zuständigkeit
- Ist eine verantwortliche Person für die Privatabrechnung benannt (inkl. Vertretung)?
- Gibt es feste Abrechnungszeiten (z. B. wöchentlich) statt „wenn Zeit ist“?
GOÄ‑Grundlagen im Team
- Sind Kernbegriffe geklärt (Behandlungsfall, Ziffernlogik, Steigerung, Analogabrechnung)?
- Gibt es interne Regeln, wann Rückfragen an die Ärztin/den Arzt gehen und wann nicht?
Praxissoftware & Prozesse
- Ist der Software-Teil GOÄ‑fähig eingerichtet und getestet (Druck, Versand, Textbausteine)?
- Ist die Leistungserfassung so organisiert, dass nichts verloren geht?
Kommunikation & Zahlungsabläufe
- Sind Zahlungsziele einheitlich definiert und verständlich formuliert?
- Ist ein Standard-Briefformat angelegt
- Gibt es einen klaren Ablauf für Zahlungserinnerung/Mahnwesen und Patientennachfragen?
Entlastung & Partner
- Haben Sie entschieden, was intern bleibt und was ausgelagert wird?
- Wenn extern: Ist die Zusammenarbeit mit einem Abrechnungsdienstleister so abgestimmt, dass sie zum Praxisalltag passt?
Praxisberatung und Privatabrechnung von Beginn an stabil aufstellen
Wenn Sie 2026 eine Praxis gegründet haben oder eine Praxis übernehmen werden, lohnt sich ein frühzeitiger Blick auf die Privatabrechnung, bevor sich Routinen „zufällig“ einschleifen.
Die PVS Westfalen‑Nord unterstützt Sie dabei auf zwei Ebenen:
- Praxisberatung zur Gründung oder Übernahme: Wir besprechen mit Ihnen, wie Sie GOÄ‑Abrechnung, Rollen im Team, Abläufe und Zahlungsziele sinnvoll aufsetzen.
- Übernahme Ihrer Privatabrechnung im laufenden Betrieb: Auf Wunsch übernehmen wir die privatärztliche Abrechnung für Sie, inklusive Rechnungsprozess und Unterstützung bei Rückfragen, damit Ihr Team spürbar entlastet wird.
Vereinbaren Sie einen Beratungstermin mit uns. Dann klären wir gemeinsam, welche Form der Zusammenarbeit zu Ihrer Praxis passt, damit Sie von Anfang an strukturiert, planbar und mit einem guten Gefühl starten.